Baunatal | Stadtmarketing  Sie stand schon in allen Finalspielen, die möglich sind im Frauenfußball an der Seitenlinie, zuletzt beim Champions Leaque Finale am 16. Mai in Göteborg aber auch bei Olympia, Welt- und Europameisterschaften. Mitte Juli geht es für Katrin Rafalski zu den olympischen Spielen nach Tokio. Dirk Wuschko traf sich mit ihr in ihrer Großenritter Wohnung…

Katrin, du hast ja schon Olympiaerfahrung, was meinst Du wird durch die Coronasituation anders sein in Tokio?

Es werden ja wahrscheinlich die Zuschauer fehlen, dass macht schon viel von der Atmosphäre aus. Als wir in London waren, war die ganze Stadt voller Menschen– überall hat man die Volounteers gesehen, die in den Olympiafarben gekleidet waren. Wir sind oft auf der Straße angesprochen worden, weil wir ja auch im Olympiadress unterwegs waren. Ich bin gespannt wie es nun in Tokio unter den aktuellen Bedingungen atmosphärisch in den Straßen und im olympischen Dorf sein wird.

Bist Du auch im olympischen Dorf untergebracht?

Wir, als Kampfrichter, sind im Hotel untergebracht, aber wenigstens alle Schiedsrichter für Männer und Frauen komplett im selben Hotel. Mit der Olympia Akkreditierung können wir aber hoffentlich auch wieder, wie in London 2012, das olympische Dorf und ggf auch Wettkämpfe, wenn dort noch Plätze frei sind, besuchen.

Bisher war ja zu hören, dass zumindest die Japaner die Wettkampfstätten besuchen können?

Ich habe noch keinerlei offizielle Informationen zu dem Thema. Ich weiß, dass wir am 13.7.2021 losfliegen sollen, dass das Fußballturnier dann am 21.7. los geht und wir vorher noch eine Woche Vorbereitungsturnier vor Ort haben werden.

Lauft Ihr bei der offiziellen Eröffnung mit in das Stadion ein?

Nein, die Schiedsrichter gehören nicht zu den Aktiven die einlaufen. In London hätten wir als Besucher mit ins Stadion gekonnt, hatten aber leider damals ein Spiel zu pfeifen und mussten deshalb an dem Tag schon zu unserem Spielort anreisen. Vielleicht klappt es diesmal dass wir live bei der Eröffnungsfeier teilnehmen können.

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Katrin Rafalski im Interview für den Baunatal Blog zur Teilnahme an den Olympischen Spielen 2021 in Tokio

Hast Du darüber nachgedacht, aufgrund der Pandemie nicht nach Tokio zu fahren?

Es war eigentlich angedacht, dass alle Teilnehmer vorher geimpft werden sollen, wie da der Stand ist, weiß ich aber nicht. Durch meinen Beruf im Gesundheitswesen bin ich schon doppelt geimpft, das gibt mir eine gewisse Sicherheit. Ich hatte mich letztes Jahr dazu entschieden mit Beginn der Pandemie nicht international raus zufahren. Seit diesem Jahr bin ich aber wieder dabei und fühle mich durch die Impfung auch sicher.

Du ‚winkst‘ die Spiele beim olympischen Frauenfußballturnier?

Genau.  Ich gehe davon aus, dass wir bei den Frauen eingesetzt sind. Was ich mir allerdings vorstellen könnte ist, dass ich ggf als Asisstent Video Referee (AVA) aufgrund meiner Einsätze in der 2.Bundesliga auch bei den Männerspielen eingesetzt werde. Das wäre natürlich eine super Erfahrung die ich dankend annehmen würde.

Wie wird man als SchiedsrichterIn nominiert für die Olympischen Spiele?

Jetzt bist du ja Schiedsrichterassistentin und dann gibt es die Schiedsrichterinnen – wie unterscheidet sich das eigentlich?

Zunächst erst mal unterscheidet es sich nicht, wir haben alle die gleiche Ausbildung. Es gibt aber die eine Gruppe, die sagt, ich stehe lieber auf dem Platz und es gibt die Gruppe, die sagt, ich bin lieber Assistent. Die Aufgaben an sich sind komplett unterschiedlich, weil man einen ganz anderen Fokus hat, wenn man Assistentin ist. Als Assistentin entscheiden manchmal nur wenige Zentimeter über ein “Richtig oder Falsch“, in Situationen die oftmals blitzschnell gehen. Auf dem Platz muss der Schiri zwar auch Entscheidungen treffen, aber nicht alle sind so eng und oft auch nicht nur schwarz oder weiß. Wenn ich als Assistent Abseits anzeige, gibt es nur richtig oder falsch.

Durch den Videobeweis wirst du ja im Zweifelsfall auch korrigiert in Deinen Entscheidungen – das was du in einer Zehntelsekunde live entscheiden musst, wird danach in 15 Perspektiven in der Slomo korrigiert? Damit musst Du dich ja auch deinen eigenen Fehlern stellen

Genau, denen stellt man sich. Es ist ja nicht so, dass aus jeder Entscheidung ein Tor fällt. Die Abseitslinie wird ja nur dann gezogen, wenn ein Tor fällt oder sich ein sehr guter Angriff entwickelt.

Ich komme ja aus dem Handballsport – da habe ich eher ein Gefühl dafür, dass jemand 4 Schritte anstatt der erlaubten 3 macht. Weil mitzählen kann man es einfach nicht. Ist das bei dir auch so, dass du dich bei der Handlungsgeschwindigkeit eher auf das Bauchgefühl verlassen musst?

Ja na klar – aber natürlich auch die Erfahrung aus vielen Spielen mit ähnlichen Situationen. Dazu gibt es z.B. für Abseitsstellungen auch digitale Trainingstools, die ich regelmäßig nutze. Am Ende ist es ein Gemisch aus Erfahrung, Training und manchmal auch Glück ob du die Situation, in der sich z.B. die Spieler auch noch entgegengesetzt bewegen, richtig einschätzt.

Wenn der Videoschiedsrichter eine Entscheidung von dir korrigiert, fühlt sich das an wie ein Richterspruch?

Ich hatte mal eine Situation wegen Abseits in Fürth, der Check von einer Minute hat sich angefühlt wie eine halbe Stunde. Manchmal, wenn sie was checken, denkst du „Was checken die da so lange, war doch alles klar…“ und dann sagen sie auf einmal durch, es war ganz knapp kein Abseits. Am Ende ist es gut, egal wie, denn eigentlich können wir durch den Videoschiedsrichter keine spielentscheidenden Fehler mehr machen, er würde korrigiert. Es soll gerecht auf dem Platz zu gehen-das ist unser Ziel.

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Das Schiedrichter Team des Champions Leaque Finale am 16. Mai in Göteborg:
Von Links nach Rechts: Christian Dingert, Julia Magnusson, Sara Telek, Katalin Kulcsar, Riem Hussein, Katrin Rafalski, Bastian Dankert

Alle Schiris könnten also auf dem Feld pfeifen oder an der Linie „winken“ wie du es nennst. Muss man sich irgendwann entscheiden?

Irgendwann entscheidest Du Dich oder es wird für Dich entschieden in welche Richtung dein Weg geht. Ich selbst habe letztes Jahr die Entscheidung getroffen, meinen Drittliga-Platz (3.Liga Herren) als Schiedsrichter aufzugeben und signalisiert, dass ich mich als Assistentin spezialisieren möchte. Ich pfeife noch ab und zu ein Spiel, aber ansonsten liegt meine Priorität auf dem Winken.
Um so höher die Spielklasse ist, um so mehr musst Du Dich auf deine Hauptaufgabe fokussieren. Wenn du verschiedene Baustellen hast, sprich Vierter Offizieller, Schiedsrichter Assistent, Videoassistent oder Schiedsrichter leidet einer der Bereiche. Du hast ja dann in den einzelnen Bereichen weniger Einsätze und dadurch auch weniger Routine.
Ich habe für mich gemerkt, dass ich gerne Schiedsrichter-Assistentin bin. Ich bin ein guter Zuarbeiter und muss nicht in der Mitte stehen. Ich brauche das nicht, dass alles auf mich guckt – für manche ist das ja auch ein EGO-Ding – sie müssen Schiedsrichter sein. Das muss ich nicht.

Du warst ja selbst aktive Fußballerin, aber unter anderem auch durch eine Verletzung dann nicht mehr Spielerin. War erst ab dann der Wunsch da, Schiedsrichterin zu werden?

Ich hab 1996 mit 14 Jahren schon meinen Schirischein gemacht, ich pfeife jetzt schon 25 Jahre. Am Anfang noch parallel zur Spielerkarriere – aber nach der Verletzung wollte ich wissen, wie weit ich es als Schiri schaffen kann.

Gibt es eigentlich Leistungsklassen bei den Schiris oder die andere Frage wie schafft man es zu den olympischen Spielen?

Ja – in Deiner höchsten Spielklasse wirst Du immer beobachtet und bekommst nach jedem Spiel eine Bewertung durch einen Beobachter. Anhand dieser Noten wird dann ein Ranking erstellt und am Ende der Saison steigen die Besten auf.

Wie darf man sich das vorstellen, dann müssten ja auch welche absteigen…

Genau die „Schlechtesten“ steigen ab. Wenn Du zum Beispiel in 3 Spielen in der Saison einen eher gravierenderen Fehler gemacht hast, steigst du eine Stufe in der Liga nach unten. Entweder geht es am Ende der Saison eine Liga nach oben oder unten oder du bleibst in deiner Leistungsklasse.

Aber wer beruft Dich zu Olympia?

Das macht die FIFA. Ich bin seit 2011 im Elite Programm der FIFA, in dem alle Schiris und Assistenten drin sind, die in den erweiterten Kader für die jeweils anstehende Frauenfussball WM nominiert wurden. Derzeit sind das alle Schiris und Assistenten, die im erweiterten Kader für die Frauenfußball WM 2023 in Neuseeland / Kanada stehen.  Um in diesem Kader zu bleiben muss man auf den internationalen Turnieren und bei allen  Qualifikationsspielen gute Leistungen abliefern und ebenso ein wöchentliches Trainingsprogramm absolvieren und dies der FIFA nachweisen. Dieses beinhaltet pro Woche je eine Einheit Grundlagenausdauer, ein Sprinttraining, ein High-Intensiv Training, ein Athletik Training und ein Agility und Coordination Training und ja dann noch in der Regel ein Spiel.

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FIFA Schiedrichterassitentin Katrin Rafalski trainiert auch mit Online Tools

Es klingt ja so, als wenn du schon fast alles erreicht hast als Schiedsrichterin, hast du noch Ziele- zum Beispiel in der ersten Liga zu winken?

Na klar – ich bin Sportlerin, natürlich würde ich auch gerne mal bei Erstligaspielen auflaufen.  Das sollte ja auch der Anspruch eines jeden Sportlers sein, die höchstmögliche Klasse zu erreichen. Du musst dafür aber besser sein als alle anderen Assistenten in der 2.Liga, sprich am Ende der Saison in der Tabelle ganz oben stehen. 

Wie siehst du es, gibt es genug weibliche Schiedsrichter, stimmt der Anteil im Verhältnis zu den aktiven Fußballerinnen?

Ich denke, das ist adäquat zu den Frauenmannschaften die im Spielbetrieb sind. Für den Frauenbereich sind wir sehr gut aufgestellt, im Erst- und Zweitligabetrieb der Frauenbundesliga pfeifen komplett Frauen, das sieht international nicht überall so aus. Da bedarf es auch schon mal der männlichen Unterstützung.

Nur mal noch mal zur Klarstellung: Du bist kein Vollprofi sondern gehst normal arbeiten. Wie geht das überhaupt mit einem Job – Du bist ja noch dazu viele Tage im Jahr auf Fussball-Reisen…

Ohne einen sportbegeisterten Arbeitgeber der unterstützt, geht der internationale Schiri-Job nicht

Ich habe eine 32 Std-Stelle und gehe jeden Tag in der Werner Wicker Klinik in Bad Wildungen arbeiten. Nach der Arbeit trainiere ich dann ca. Stunden und habe nahezu jedes Wochenende einen Einsatz als Schiri, Assistentin, 4 Offizielle oder Assistent Video Assistent. Ich bin ungefähr 150 Tage unterwegs mit An- und Abreise und den Turnieren und Lehrgängen.

Du hast aber schon noch einen Arbeitgeber? Das muss man ja als Betrieb auch mitmachen wollen. Machst Du dann unbezahlten Urlaub oder wirst du freigestellt?

Unbezahlten Urlaub. Und in Jahren mit den großen Turnieren, wie bspw dieses Jahr Olympia, gehen auch 15 Tage meines normalen Urlaubs ab. Mein damaliger Chef, Dr. Mariß war früher ein leidenschaftlicher Sportler, mit ihm bin ich quasi groß geworden in der Klinik. Er hat mich schon immer unterstützt und zusammen mit der Klinikleitung meinen Weg möglich gemacht. Auch nach seinem Tod habe ich mit Frau Dr. Shiratori, meiner Chefin, und Frau Faust-Cronau der Verwaltungsleiterin der Klinik hervorragende Gönner und Unterstützer. Nicht zu vergessen natürlich meine Kollegen und Kolleginnen die in der Zeit, wenn ich nicht da bin, für mich mitarbeiten und mir auch am Wochenende den Rücken freihalten so dass ich dann keine Rufbereitschaften machen muss!!!!  Die Klinik freut sich darüber, jemand in den Reihen zu haben, der zu Olympia fliegt. Es ist ein Geben und Nehmen: Ich versuche dann zum Beispiel an Tagen zu arbeiten wo kein anderer arbeiten will und mache Rufbereitschaften unter der Woche.

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Katrin Rafalski bei ihrem „normalen“ Job in der Werner Wicker Klinik in Bad Wildungen

Würdest du es gut finden, wenn die Schiedsrichter Profis wären und nicht mehr zur Arbeit gehen müssten?

Schwierig zu sagen, natürlich wäre es einfacher wenn man nicht mehr mit der Arbeit jonglieren müsste und du könntest dich zu hundert Prozent auf das Training konzentrieren. Auf der anderen Seite müsstest du alles auf eine Karte setzen und wenn du dich ernsthaft verletzt, bist du raus. Dazu kommt: Ich arbeite einfach super gern und es ist auch gut, wenn man nicht nur 24/7 Fußball im Kopf hat.

Du hast ja lange, von 2011 bis 2019, im Team von Bibi Steinhaus international gepfiffen. Wie hast Du erfahren, dass Sie aufhört? Und wie kommt jetzt ein neues Team zustande?

Von Bibis Rücktritt habe ich aus den Nachrichten erfahren, wie viele andere auch. Das Olympia Team wird vor Ort von den Verantwortlichen aus dem Kader des FIFA Elite Teams zusammengestellt. Für die folgende EM und WM hoffe ich natürlich darauf, dass ich im Team von unserer deutschem Schiedrichterin Dr. Riem Hussein bin. Wir haben ja gerade das Champions League Endspiel zusammen gepfiffen und es harmoniert auf und neben dem Platz super.

Du kennst also bei Olympia dein Team noch nicht und weiß auch noch nicht bei wie vielen Spielen Du eingesetzt wirst?

Nein. Das Team wird vor Ort zusammengestellt. Ein bis zwei Tage vor den Spiele werden die Ansetzungen bekanntgegeben und du bereitest dich auf dein Spiel vor. Das heißt, du schaust dir die Mannschaften schon mal per Video an: Wie spielen sie – eher mit langen Bällen oder im Kurzpassspiel. Stehen sie vorn eng, steht die Abwehr tief. Wie sind die Teams taktisch aufgestellt. Das ist für mich wichtig zu wissen und eine wichtige Vorbereitung auf das Spiel.

Hast du eigentlich Lieblingsstadien, also Orte an denen du dich besonders wohlfühlst unabhängig vom Spielverlauf?

Es gibt Stadien wie zum Beispiel Sankt Pauli oder Union Berlin.  Da einzulaufen ist schon was ganz Besonderes. Es gibt einfach Stadien die Ihren eigenen Charme haben.

Gibt es eigentlich irgendein Spiel in deiner Karriere, was du am liebsten streichen würdest, weil du da richtig danebengelegen hast?

Oh ja Braunschweig gegen Würzburg vor zwei Jahren, da habe ich zwei rote Karten nicht gegeben. Zweimal zu hohes Bein, wenn man die Bilder dann im Fernsehen sieht, dann ist das auch ganz klar, dass ich da mit jeweils gelb nicht richtig lag.

Wie auch bei den Männern gibt es bei Euch eine Altersgrenze mit 47 Jahren. Bis dann könntest Du noch ein paar Olympiaden und WMs mitmachen – willst Du bis zur Altersgrenze dabei sein?

Solange ich fit bin, auf jeden Fall. Ich habe einen hohen Anspruch an mich selbst und solange ich mithalten kann, die Leistungsprüfungen bestehe und nicht 5 Meter hinterher hänge im Spiel werde ich weiter machen. Wenn ich allerdings merken würde, es reicht nicht mehr für internationale Spiele oder für die 2.Bundesliga der Herren, dann würde ich den Punkt gern selbst bestimmen, wann ich aussteige.

Ich freue mich schon auf das tägliche Foto von Dir aus Tokio für unseren Instagram Account, so dass die Baunataler Dich mit begleiten können. Danke für die Zeit, die du dir genommen hast.

Text und Foto (V.i.S.d.P)
Stadtmarketing Baunatal GmbH
Dirk Wuschko
Friedrich-Ebert-Allee 8a, 34225 Baunatal
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