Baunatal | Stadtmarketing Wie geht es zur Zeit den Akteuren in der Kultur & Kreativszene in Baunatal? In loser Folge werden wir hier im Baunatal Blog darüber berichten. Für den ersten Artikel hat sich Dirk Wuschko mit Almut Rudolph von der Ballettschule Baunatal getroffen…

Almut, hier würden jetzt zu normalen Zeiten viele Kids tanzen und wahrscheinlich wäre es beträchtlich lauter. Seit wann habt Ihr die Ballettschule geschlossen?

Almut: Wie viele andere Unternehmen mussten wir sofort im November schließen. Wir haben gleich ein Online Kursangebot gemacht, um die Schülerinnen weiter zu motivieren, dass hatten wir ja im ersten Lockdown gelernt.  Das läuft erstaunlich gut – ist aber natürlich kein wirklicher Ersatz für die gemeinsamen Einheiten hier in der Ballettschule.

Ballettschule Baunatal, Almut Rudolf, Baunatal, baunatal Blog, Dirk Wuschko, Nordhessen
Videounterricht für die Schüler der Ballettschule in der Pandemiezeit Foto: Ballettschule Baunatal

Ihr seit zwar eine staatlich anerkannte Ergänzungsschule, aber du bist ja mit der Ballettschule eine private Firma, wie übersteht du die jetzige Situation finanziell?

Almut: Die Schülerzahlen haben sich reduziert, einige Verträge pausieren und es ist schwierig durchzukommen, zumal für mich auch die staatlichen Hilfen nicht wirklich greifen. Eine Fluktuation ist bei unserer Ballettschule ja normal, weil Kinder und Jugendliche ausscheiden, z.B. weil sie zum Studium gehen – aber zur Zeit kommen keine Kleinen mehr nach, weil die Situation einfach ungewiss ist.
Unser Modell sind ja Schulhalbjahresverträge, damit wir planen können…
Im Augenblick muss ich an meine Rücklagen für die Altersvorsorge, die ich privat trage, um den Betrieb der Ballettschule aufrecht zu erhalten. Ich muss auch weiter meine Miete bezahlen und meine Krankenversicherung.

Von Baunatal auf die großen Bühnen

Sind deine Schüler im Wesentlichen aus Baunatal und für welche Altersgruppen bietet ihr Tanzunterricht an?

Almut: Die Hälfte der Schüler kommt aus Baunatal aber viele kommen auch aus Kassel und ganz Nordhessen. Wir beginnen im Altersbereich ab 4 Jahren – allerdings geht es da noch nicht um das klassische Ballett – wir müssen eher viele Defizite bei der Entwicklung der heutigen Kinder anfangen auszugleichen.
Sie sind deutlich ungeduldiger, haben Bewegungseinschränkungen und können sich nicht mehr so lange konzentrieren, wie die Generationen vor Ihnen. Aber deshalb arbeiten wir mit einem pädagogischen Konzept von Anfang an unter anderem auch mit einer Kollegin, die als pädagogische Assistenz unterstützt. Wer einmal Feuer gefangen hat für den Tanz, kann das sehr lange machen. Wir haben auch Kursteilnehmer deutlich über 50+ – die Bewegung und die Symbiose mit der Musik tut einfach privat gut. Dazu kommt natürlich noch die Gemeinschaft, Teamwork und ein fitter Körper.

Kann der Traum der Kids, irgendwann als Prima Ballerina auf der großen Bühne zu stehen, tatsächlich hier in Baunatal starten?

Almut: Ja, auf jeden Fall! Es gibt über die 20 Jahre tatsächlich immer wieder Tänzerinnen aus unserer Schule, die den Weg an die großen Ballettschulen und auf die Bühne geschafft haben. Ich liebe es, wenn die ganz Kleinen anfangen und ich sehe, wenn eine besondere Begabung da ist. Zur 5. Schulklasse trennen sich die Wege von Baunatal: Die besonders begabten Schülerinnen gehen dann an eine der Ballettschulen, wie z.B. die Palucca Schule in Dresden. Ganz selten gibt es auch noch spätere Wege zum Beruf Tänzer, aber es ist schon wichtig in jungen Jahren die komplette Ausbildung zu bekommen. Wir unterrichten nach dem Waganowa -System. Agrippina Waganowa konzipierte eine grundlegende Methodik des klassischen Tanzes.

Ballettschule Baunatal, Almut Rudolf, Baunatal, baunatal Blog, Dirk Wuschko, Nordhessen
Fotos von ehemaligen Schülerinnen nehmen eine ganze Wand in der Ballettschule ein.

Klassisches Ballett ist ja untrennbar mit klassischer Musik verbunden, haben die Kinder und Jugendlichen einen Zugang dazu?

Almut: Spannende Frage, die meisten Kinder und Jugendlichen, die anfangen, haben keinen Bezug zu dieser wundervollen Musik. Aber auch das gehört zu unserem pädagogischen Konzept: Gehörbildung, Rhythmusschulung und das behutsame Heranführen in die Welt der klassischen Musik. In der Tat sind die wesentlichen Ballettinszenierungen natürlich mit klassischer Musik verbunden: Nussknacker, Schwanensee und Dornrösschen. Aber gerade mit den ganz kleinen Tänzerinnen, aber auch bei unseren Kursen in Modern Dance oder Orientalischem Tanz, gibt es natürlich auch die gesamte Bandbreite der Musik.

Almut Rudolf wird nochmal eine Show in der Stadthalle planen

Ähnlich wie bei Sportlern der Wettkampf, wollen deine Schüler das Gelernte auch auf der Bühne zeigen, das machen sie unter anderem auch auf unsrem Stadtfest. Aber besonders spektakulär waren in den letzten Jahren deine Vorführungen in der Stadthalle. Letztes Jahr sollte es wieder so weit sein…

Almut: Eigentlich könnte ich jetzt noch sofort losheulen… Ja alles war fertig für „Schneewittchen“ im Juni 2020! Du kannst hier in unseren Lagerräumen die komplette Requisite und die Kostüme für die Aufführung sehen. Über 300 kleine und große TänzerInnen hatten sich ein Jahr lang vorbereitet, auf jedes Wochenende verzichtet. Und die Ballettschule hat ca. 20.000 Euro in die Produktion investiert. Das ist eigentlich völlig okay, wir verkaufen jeden Platz der drei Vorstellungen in der Stadthalle und damit sind die Kosten gedeckt.
Neben dem finanziellen Problem, dass die endgültige Absage in diesem Jahr erzeugt hat (neben den Produktionskosten auch 4.000 Euro Stornogebühr beim Ticketsystem), tut es mir unendlich für meine Tänzerinnen leid. Die Kleinsten sind den gelernten Tänzen und Kostümen mittlerweile entwachsen, unsere besten Tänzerinnen aus der Leistungsklasse gehen jetzt zum Studium ohne eine Abschiedsvorstellung. Das tut weh und auch das ganze Engagement der Eltern und meiner Trainerinnen war umsonst.

Ballettschule Baunatal, Almut Rudolf, Baunatal, baunatal Blog, Dirk Wuschko, Nordhessen
Almut Rudolf ist die Inhaberin der Ballettschule Baunatal

Kam dir in den letzten Monaten der Gedanke aufzugeben und einem anderen Beruf nachzugehen, mit deiner Ausbildung könntest du ja auch im Schulbereich arbeiten.

Almut: Bei aller Dramatik der letzten Monate – ich will nichts anderes machen, als Menschen für Ballett, Bewegung und Musik zu begeistern, das ist mein Beruf und es gibt für mich keine denkbare Option, einen anderen auszuüben. Auch diese Pandemie ist irgendwann vorbei: Dann wird unser Ballettschulbetrieb wieder normal losgehen und wir werden uns an das Niveau vor der Coronazeit herankämpfen. Den Traum und die Magie vom Ballett werden auch die nächsten Generationen haben. Mein Team und ich werden dafür da sein, die Kinder, Jugendlichen und Erwachsenen dabei zu begleiten. Und auch wenn ich eigentlich gesagt habe NIE WIEDER eine große Produktion, weiß ich, dass ich zumindest noch eine angehen werde, das bin ich mir und den ganzen Tänzerinnen schuldig. Der Abschlussapplaus nach einer gelungenen Show in der Stadthalle mit Standing Ovation ist schon auch eine kleine Droge…

Text und Foto (V.i.S.d.P)
Stadtmarketing Baunatal GmbH
Dirk Wuschko
Friedrich-Ebert-Allee 8a, 34225 Baunatal
www.baunatal-bewegt.de

Der Baunatal.Blog ist ein Service des Stadtmarketing Baunatal mit Nachrichten aus Baunatal und der Region Baunatal.
Die Autoren der jeweiligen Artikel und Fotos sind am Ende des Textes ausgewiesen.
Bitte wenden Sie sich mit Anregungen & Kritik an die enstprechenden Autoren der Nachricht