„Haben ein Recht auf Begegnung“ Raúl Krauthausen spricht im Interview über Inklusion – und ihre Barrieren
Der Aktivist und Autor Raúl Krauthausen kommt nach Baunatal: Am Mittwoch, dem 6. Mai, liest er um 16 Uhr in der Stadtbücherei aus seinem Kinderbuch „Als Ela das All eroberte“, bevor er am Abend um 19 Uhr in der Stadthalle unter dem Titel „Auf die Begegnung kommt es an“ einen Impulsvortrag hält. Dazu laden wir Sie herzlich ein, der Eintritt ist frei!
Sie sagen oft: „Auf die Begegnung kommt es an“. Was müsste sich konkret im Alltag einer Stadt wie Baunatal ändern, damit aus gut gemeinter Inklusion echte Teilhabe wird?
Raúl Krauthausen : Es ist wichtig, genau zu schauen, an welchen Orten wir welche Menschen zu selten sehen. Dann müssen wir fragen: Woran liegt das? Ich bin ziemlich sicher, dass es nicht eine Barriere im Kopf ist, sondern reale Barrieren. Das können Sprachbarrieren oder fehlende Kommunikation sein, aber auch fehlende Rampen, Aufzüge, Untertitel oder Gebärdendolmetschung.
Viele Kommunen sehen sich als „auf einem guten Weg“. Wo erleben Sie den größten Unterschied zwischen Anspruch und Realität?
Raúl Krauthausen : Beim Glaubenssatz, Barrierefreiheit sei primär eine Frage der Haltung. Zu dem „guten Weg“: Diese Floskel höre ich seit 20 Jahren. Welcher Weg ist das eigentlich – ein Umweg oder Rückweg? Und wer beurteilt das? Wenn vieles mit Kostenargumenten wegdiskutiert wird, kann es kein guter Weg sein.
Ihr Kinderbuch richtet sich an junge Menschen: Wie früh muss Inklusion beginnen – und was können Städte konkret für Kinder tun?
Raúl Krauthausen : Wir müssen Kinder mit und ohne Behinderung ernst nehmen, sie begleiten und ihnen Begegnungen ermöglichen. Sie müssen Sandkasten, Kindergarten, Schule und Ausbildung miteinander teilen. Wir schließen ja auch keine blonden oder veganen Kinder aus. Dafür braucht es kleinere Klassen und mehr Pädagog*innen. Unser Schulsystem ächzt nicht unter Vielfalt, sondern unter zu großen Klassen und zu wenig Personal.
Sie sind Aktivist und Kommunikator: Was sind typische Denkfehler in Politik und Verwaltung?
Raúl Krauthausen : Kosten werden oft als Totschlagargument genutzt – egal ob beim Kinderschutz, ÖPNV oder Bildung. Für wirtschaftliche Themen gibt es dagegen Fördergelder. Außerdem entscheiden meist Menschen ohne Behinderung, was „angemessen“ ist. Das können Betroffene selbst am besten beurteilen. Und: Auch nicht behinderte Menschen haben ein Recht auf Begegnung mit dem Thema. Immerhin können auch sie davon schnell betroffen sein, ob durch Unfall, Alter oder Geburt.
Wenn Sie einen „Inklusions-Check“ für Baunatal machen würden – welche Fragen stellen Sie?
Raúl Krauthausen : Zuerst: Wo leben behinderte Menschen? Wer da nur an Wohnheime denkt, hat die Realität nicht verstanden. Dann: Welche Gebäude wurden zuletzt barrierefrei gebaut – und warum erst jetzt? Was ist in den letzten Jahrzehnten passiert? Und wurde wirklich alles mitgedacht – oder endet der Aufzug hinter einer Brandschutztür?
Der Europäische Protesttag zur Gleichstellung: Haben solche Aktionstage nachhaltige Wirkung? Sie sind besser als nichts. In der Bewegung heißt es: „Der 5. Mai ist der Tag für Menschen mit Behinderung, die anderen 364 Tage für Menschen ohne.“ Ich sage: „Nichts ohne uns.“ Inklusion betrifft alle Bereiche – auch Verkehrsplanung oder Elektroladesäulen.
Gab es zuletzt eine Begegnung, die Sie überrascht hat?
Raúl Krauthausen : Ja, leider negativ: Begriffe wie Inklusion werden weichgespült. Sonderschulen nennen sich inklusiv, und oft wird die Dimension Behinderung vergessen oder zuletzt genannt. Das macht mir Sorgen.
Wenn Sie eine Superkraft hätten, um Hürden zu beseitigen?
Raúl Krauthausen : Ich würde verbindliche Quoten einführen und bei Nichterfüllung spürbare Strafzahlungen verhängen. Wenn wir sagen „der Markt regelt“, dann vielleicht nur so. Entsprechend würde auch Druck entstehen, Ausbildung und Teilhabe wirklich umzusetzen.
Zur Person: Raúl Krauthausen ist Aktivist, Autor und Mitgründer der Sozialhelden. Er setzt sich seit vielen Jahren für Inklusion und Barrierefreiheit ein. Krauthau-sen lebt mit der Glasknochenkrankheit und nutzt selbst einen Rollstuhl.
Text & Foto (V.i.S.d.P)
Stadt Baunatal vertreten durch den Magistrat
Marktplatz 14, 34225 Baunatal
Telefon: 05 61 / 49 92 -0
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