Abschiedsinterview mit Giesela Sandgaard von der Boutique Janett – Eine Ära in der City Baunatal geht zu Ende
Baunatal | City Nach 41 Jahren macht Giesela Sandgaard Schluss mit ihrer Boutique Janett am Marktplatz. Natürlich wollte Dirk Wuschko vom Stadtmarketing Baunatal für den Baunatal Blog nochmal über die erfolgreiche Zeit in der City Baunatal plaudern. Vor allem über die Anfangszeit 1984, wo das Geschäft „An der Stadthalle 7“ mit einer Partnerin gestartet wurde…

Wie war denn so das Gründungsfeeling? Gab es ringsherum schon weitere Geschäfte?
Ringsherum waren nur FlicFlac und die Ahorn-Apotheke, sonst war noch nichts da. Das war ein Neubau und erst später kam ein Herrengeschäft neben meinem Geschäft.
Ein Herrengeschäft? Wer war das?
„Robbins“ am Anfang. Das hat dann nach zehn Jahren gewechselt und dann kam die Herrenkommode dorthin, die zunächst bei der Sparkasse war. Wie lange die dann da waren, weiß ich nicht mehr genau, ich denke bis 2002. Als die Herrenkommode weg war, hatten wir dann zwei Jahre Leerstand neben uns.

Und wer war rechts neben Ihnen?
Schon immer ein Imbiss. Und gegenüber kam dann ein Kindergeschäft von Frau Osterberg. Wo jetzt das Porzellanhaus Schiebeler ist, war noch ein Damenmodegeschäft und es gab sogar für kurze Zeit ein Geschäft für Lederbekleidung. Da ist dann ein Reisebüro reingegangen – eigentlich war es „An der Stadthalle“ gut belebt.
Ich fand auch die moderne Architektur dort sehr ansprechend. Wir haben dort auch eigene Aktionen wie Modenschau oder Weihnachtsmarkt zusammen mit den anderen Geschäften gemacht.
Wie war das so von Ihrem Sortiment? War das schon ähnlich wie jetzt?
Ja, schon ähnlich, wir hatten zwar etwas andere Firmen, wie Joy & Fun oder Samba, die gibt es inzwischen gar nicht mehr.
Wir hatten Viton, das war ein französischer Hersteller, der aber auch in Düsseldorf ansässig war. Unsere Zielgruppe war die modische Frau ab 25.
Ich war Anfang 30 und damit auch selbst Zielgruppe. Und die modische Frau ab 25 ist inzwischen auch 41 Jahre älter geworden. Wir haben also einige Kundinnen begleitet.
Es gibt also Kundinnen, die bis zur Schließung bei Ihnen durchgängig eingekauft haben?

Gerade jetzt war nochmal eine Kundin da, die mir erzählt hat, dass sie ihre erste Sonderzahlung als Lehrling in der damals neuen Boutique gelassen hat.
Jetzt ist sie selbst in Rente und wollte aber nochmal bei mir einkaufen. Wir waren damals wohl auch die Einzigen, die kleine Größen hatten: Größe 34.
Ihr Einkauf bei den Firmen ist gleich geblieben über die Jahrzehnte? Sind Sie zu den Ordermessen gefahren?
Damals bin ich auf die Messe gefahren, aber auf der Messe ist es meistens zu stressig. Ich bin dann eher in die Orderbüros gefahren und haben dort vorgeordert für die Saisons.
Aber an dem Prinzip, der Einzelhändler sucht sich seine Mode für Frühjahr, Herbst, Sommer, Winter aus hat sich nichts geändert?
Da hat sich nichts geändert. Das ist schon immer so gewesen. Zwischendurch gab es auch eine Phase, wo Monatsprogramme aufgelegt und geordert wurden – also etwas schnelllebiger. Aber eigentlich ist das Prinzip geblieben.
Gab es Marken oder saisonale Moden, wo Sie komplett danebengelegen haben?
Ja. Das war noch an der Stadthalle. Einmal haben wir komplett auf die Modetrends gehört und in dem Jahr war angesagt Apfelgrün und Orange. Und unser ganzer Laden war dann Apfelgrün und Orange. Es war ganz, ganz, ganz furchtbar. Die Kunden wollten es nicht, sie wollten mal Apfelgrün, aber nicht Apfelgrün und orange kombiniert. Es war schon heftig, aber wir haben es überlebt.
Erklären Sie den Lesern kurz, wie das Ordern in der Modebranche funktioniert.
Wir ordern ein halbes bis dreiviertel Jahr im Voraus. Wir müssen genau angeben, welche Ware wir haben möchten. In Stückzahlen, Größen und Farben. Wir haben auch eine Mindestabnahme. Das heißt, bei teuren Firmen sind es vier Stück in der Reihe.
Also vier Jacken in vier verschiedenen Größen und pro Farbe. Oder wenn die Ware etwas preiswerter ist, geht das schon bis auf acht Stück. Und zum Teil können wir die Größen gar nicht einteilen, sondern die Größen kommen dann im Lot. Das heißt, in der Sortierung einmal S, zweimal M und so weiter. Also acht Stück. Und das muss abgenommen und bezahlt werden, wenn sie kommt.
Sie haben sich ja nur einmal komplett geirrt beim Einkauf, eine gute Quote in 41 Jahren…
Hin und wieder gab es einzelne Produkte, die nicht funktioniert haben, z.B. dass keine weiten Mäntel mehr angesagt waren. Aber ich habe das nie mehr gemacht, dass ich nur in eine Richtung gegangen bin.
Und wenn Kunden mich fragen, was ist denn Modefarbe? Es steht nicht jedem Senfgelb. Bei Senfgelb denke ich immer, sehen auch meine Schaufensterpuppen schon elendig aus.
Gibt es noch eine Marke, die überlebt hat von damals?

Angel Jeans. Angel Jeans habe ich von Anfang an, da hatten wir noch gar keinen Laden, die habe ich aus meinem Wohnzimmer geordert.
Die habe ich bis zuletzt verkauft. Auch weil Angel Jeans sehr, sehr modisch geworden ist, am Anfang war das Standard.
Und viele Kunden können sich bestimmt auch noch an die „Happy“ erinnern. Das war eine Karottenhose, die es dann hinterher lange nicht mehr gab. Und jetzt ist sie wieder da.
Gab es beim Einkauf auch Sachen, wo Sie gesagt haben, ja, das wird Trend, das wird gekauft, aber ich will es nicht? Oder haben Sie sich da komplett auf die Kunden eingestellt?
Nein, ich habe nicht immer nur nach meinem Geschmack entschieden, sondern danach, was ich auch verkaufen kann. Meine Devise lautet immer, der Köder muss nicht dem Angler schmecken. Das ist einfach so.
Aber zum Beispiel beim Thema Millennium feiern im Jahr 2000, da wollten mir alle Lieferanten Glimmerglitzer verkaufen ohne Ende.
Und die meinten, alle feiern Millennium, feiern Silvester. Ich habe mich davon nicht leiten lassen. Ich habe da zwar auch Glimmerglitzer gekauft, aber sehr reduziert. Und wenn da vorne mal ein paar Pailletten auf dem T-Shirt waren, dann reichte das auch.
Ich glaube, es war auch richtig, dass ich das nicht mitgemacht habe. Ich habe dann doch eher mal auf Pullover und auf Hosen gesetzt. Und das war eigentlich immer mein täglich Brot.
Wenn Sie jetzt mal so zurückschauen, unterscheiden sich hier in Baunatal die Kunden sehr von Kassel und in der Großstadt?

Ich hatte ja nicht nur Kunden aus Baunatal. Ich hatte Kunden aus Kassel, Hofgeismar, Eschwege, Fritzlar, Melsungen. Nein, die Kunden sind modisch und kamen eigentlich wegen der Marken, die ich hier hatte.
Ich habe im etwas höherpreisigen Segment immer Marc Aurel gehabt. Und das war meine stärkste Marke, die ich verkauft habe. Marc Aurel, Rui und Angelhosen, das waren eigentlich meine stärksten Marken.
Am Anfang hat wahrscheinlich der Schlussverkauf noch eine große Rolle gespielt?
Da hat man noch einen Winter- oder Sommerschlussverkauf gemacht. Und nicht schon im November angefangen. In der letzten Januarwoche startete dann der Schlussverkauf. Oder der Sommerschlussverkauf in der letzten Juliwoche. Das war damals per Gesetz vorgegeben.
Man hatte mal ein paar Angebote. Aber dass ständig reduziert wurde, wie das heute ist, war nicht der Fall. Heute ist ja ständig irgendwo Sale und die Ware wird verramscht.
Im Jahr 2004 sind Sie an den jetzigen Ort am Marktplatz gezogen. Wer waren die Nachbarn?
Hier war ein Wäschegeschäft nebenan. Und das Bankcafé, das war richtig super, wenn die Leute draußen gesessen haben im Sommer. Da haben die Kunden ins Schaufenster geguckt und die Frauen sind dann reingekommen. Die Männer wurden draußen im Bankcafé „abgesetzt“ und meine Kundinnen konnten die gewünschten Sachen gleich vorführen. Lederheinze war hier mit seinem Ledergeschäft. Auf der Ecke, wo jetzt „Ernstings“ ist war auch noch ein Textilgeschäft. Also der Marktplatz war über die vielen Jahre immer gut, der war auch ein Treffpunkt für die Baunataler.
Eine Spezialität der Boutique Janett waren eigene Modenschauen. Wann ging das los?

Ich habe schon am ersten Standort an der Stadthalle Modenschauen gemacht. Vor der Tür. Aber auch im Hotel Ambassador z.B. oder in der Stadthalle mit G. G. Anderson als Stargast. Und dann, als wir hier am Marktplatz waren in der Glaspassage und zu Veranstaltungen wie Weinfest oder Automobilausstellung. Am Anfang mit Kooperationspartnern, als keiner mehr mitmachen wollte, habe ich es alleine gemacht.
Das war natürlich eine große Herausforderung: Wenn wir zehn oder zwölf Models auf den Laufsteg geschickt haben, brauchten wir sechs Helferinnen dafür.

Aber Ihre Models waren ja keine professionellen Models.
Und das kam eigentlich immer ganz gut an: jede Figur und jede Größe war dabei. Wir haben also wirklich von Größe 34 bis Größe 46 die Mode gezeigt. Sodass sich auch die Kunden damit identifizieren konnten.
Ab wann haben Sie sich mit den Themen wie Onlineverkauf überhaupt beschäftigt? War das nur in der Corona-Zeit? Da haben Sie ja mit WhatsApp verkauft.
Ich habe generell keinen Onlineverkauf gemacht. Bei Corona musste ich reagieren und habe über Instagram, Facebook und WhatsApp meine Kunden versucht zu erreichen. Die Kunden haben Ware bestellt. Ich habe auch Auswahlen zusammengestellt in der Coronazeit. Am Anfang konnte ich es an der Tür ausgeben, später habe ich ausgeliefert. Und am nächsten Tag wieder abgeholt, was nicht gebraucht wurde.
Das war für Sie als erfahrene Einzelhändlerin trotz alledem nochmal eine Herausforderung…

War es! Ich habe am Anfang gedacht, wir schaffen das nicht, diese Corona-Zeit überleben wir nicht.
Aber die Kunden haben mich da unheimlich unterstützt, haben auch Gutscheine gekauft. Sie wollten, dass das Geschäft weiter besteht. Das kam auch jetzt zum Schluss so zum Ausdruck. Die Kunden haben Blumen und Geschenke zum Abschied gebracht und haben gespendet für das Frauenhaus und den Verein „Frauen helfen Frauen“ für den Verein, das war mein Wunsch an meine Kundinnen.
Was ist denn jetzt Ihr Plan nach so vielen Jahren als Selbstständige?
Nach meinem Plan ist erstmal Urlaub angesagt. Dann möchte ich wieder ein bisschen mehr Sport machen, ein bisschen mehr Zeit haben. Ich habe es heute Morgen schon genossen, ein bisschen länger zu schlafen. Erst nach Sonnenaufgang aufzustehen, fand ich richtig gut.
Ich möchte mein neues Leben erstmal genießen. Mein Partner ist schon lange im Ruhestand und der ist immer allein Fahrrad gefahren, jetzt kann ich mitfahren
Sie haben 41 Jahre von Ihrer Boutique Ihr Leben finanzieren können…
Ich habe 41 Jahre, auch mit meiner Tochter, davon gelebt. Es hat mir gereicht, ich bin nicht reich geworden, aber ich habe mein Auskommen. Und ich bin ganz froh, dass ich den Zeitpunkt fürs Aufhören selbst bestimmen konnte.
Nicht durch Krankheit oder wirtschaftliche Schwierigkeiten, sondern so, dass ich sagen konnte, es ist jetzt gut, ich habe genug gearbeitet und ich habe das Alter erreicht, wo ich aufhören kann. Und so ist es gut.
Wir werden mit Frau Sangaard eine engagierte Einzelhändlerin in der Baunataler City verlieren und wünschen Ihr von ganzem Herzen viele Fahrradtouren, Spaß und auch Erholung in dem neuen Lebensabschnitt. Die Raiffeisenbank eG Baunatal als Vermieter ist in Verhandlungen für die Neuvermietung des Geschäftes am Marktplatz ab April 2026.
Pressetext & Fotos (V.i.S.d.P.)
Stadtmarketing Baunatal GmbH
Geschäftsführer Dirk Wuschko
Friedrich-Ebert-Allee 8a | 34225 Baunatal
www.stadtmarketing-baunatal.de
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